Verzeihen ist Vergeben, aber nicht Vergessen

Feiertage machen mich immer irgendwie nachdenklich. Also noch mehr als ich sonst schon bin. Passend dazu habe ich gestern in einer meiner Lieblingszeitschriften, der flow, einen Artikel über das Verzeihen gelesen.

Verzeihen ist eigentlich ein Wert, den man im religiösen Glauben und in dessen Wertevorstellung oft findet. Obwohl ich mit Religion nicht so viel am Hut habe, sind mir gewisse Werte sehr wichtig. Dazu gehört das Verzeihen. Ich kann mit gutem Gewissen behaupten, dass ich schon sehr oft im Leben verziehen habe. Und auch, dass mir schon oft verziehen wurde.

Wut, Trauer und Vergebung

Ich habe kleine Fehler verziehen, Sachen die aus meiner Sicht gar nicht so schlimm waren um sie verzeihen zu müssen und Fehler, die mein Leben verändert und mich zu tiefst verletzt haben. Verzeihen muss man nicht nur in der Liebe. In jeder Beziehung die man zu anderen Menschen pflegt gehört das dazu. Doch die Liebe stellt einen Wohl vor die größte Herausforderung im Bereich des Verzeihens. So auch mich an einem gewissen Punkt in meinem Leben. Viele Menschen haben damals nicht verstanden, wie ich so ein Verhalten verzeihen kann, verstehen es vielleicht bis heute nicht. Am Anfang konnte ich mir das Verzeihen dieses Fehlers, ehrlich gesagt, auch nicht vorstellen, zu sehr hat es mich verletzt und in die schlimmste Krise meines bisherigen Lebens gestürzt. Ich war wütend, verletzt, am Boden zerstört, habe weiter geliebt und keinen Ausweg aus der Situation gesehen. Nach vielen Tagen des Weinens, Wochen der Verzweiflung und Monate voller Trauer, wusste ich eines Tages, dass es für mich nur eine Lösung gibt: Verzeihen. Und zwar nicht laut und öffentlich, sondern still und nur für mich. In dem Moment war es mir nicht wichtig, dass mein Gegenüber hört wie ich ihm verzeihe, mir war wichtig, dass ich ihm verzeihe, für meinen inneren Frieden. Damit ich abschließen konnte und weitermachen. Verzeihen gehört zu jedem Ende dazu, ohne es ist ein Neuanfang nicht möglich.

Ein gutes Beispiel hierfür ist ein Zitat der jungen Jüdin Etty Hillesum. Sie schrieb in ihrem Tagebuch „Außerdem an diesem Morgen: die überaus starke Empfindung, dass ich trotz allen Leides und Unrechts, das überall geschieht, die Menschen nicht hassen kann.“ In diesem Zitat bezieht sie sich auf ihre Peiniger in Ausschwitz, wo sie gefangen war und verstarb.

„Der Schwache kann nicht verzeihen. Verzeihen ist eine Eigenschaft des Starken.“ Mohandas Karamchand Gandhi

Zum Verzeihen gehört wahrlich Größe. Das habe ich auch gemerkt. Es ist nicht einfach zu Verzeihen, vor allem die Fehler von Anderen, die einen so richtig aus der Bahn geworfen haben. Es kostet unendlich viel Kraft und auch Zeit. Wunden verheilen, aber die Narben und die damit verbundenen Schmerzen bleiben. Deshalb darf man Verzeihen auch nicht mit Vergessen verwechseln. Man wird manche Sachen nie vergessen, auch wenn man sie schon längst verziehen hat. Noch Jahre später kann etwas passieren, was einen in die vergangene Zeit zurück katapultiert und die Schmerzen wieder genauso stark sind wie damals. Und das ist auch nicht schlimm. Wichtig ist, dass man mit diesen Situation dann bewusst umgehen kann. Und das kann man nur, wenn man dieser Person verziehen hat.

Fehler gehören zum Leben

Jeder Mensch macht Fehler in seinem Leben und das ist auch gut so. Denn Fehler lassen uns reifen und wachsen. Es gibt schwerwiegende Fehler oder Fehler, die man am nächsten Tag schon wieder vergessen hat, dass man sie gemacht hat. Manches Fehlverhalten von Menschen scheint völlig unmöglich es zu verzeihen. Und doch sollte man es versuchen.
Fehler lassen sich nicht rückgängig machen oder einfach weg denken. Sie sind da, für immer. Doch man sollte sich selbst und vielleicht auch den Anderen die Chance geben, mit ihnen zu Leben.

„Sei gut zu dir und vergib den anderen.“ Buddhistische Weisheit

Beim Verzeihen geht es aber nicht nur darum, anderen Menschen zu vergeben, sondern auch sich selbst. Manche Fehler die wir machen, tun nicht nur anderen Menschen weh oder fügen diesen Schaden zu, sondern auch uns selbst. Man kann sich Ewigkeiten fragen, warum man nur so blöd war und diesen Fehler begangen hat, sich selbst bestrafen, doch am Ende macht das den Fehler auch nicht ungeschehen. Wir müssen aus unseren Fehlern lernen und Konsequenzen ziehen. Wir müssen aber auch genauso diese Fehler verzeihen.

Dieses Verzeihen ist oft mühsamer. Auch ich tue mich damit sehr schwer, vor allem auch wenn man von außen ständig gesagt bekommt, wie groß doch mancher Fehler war, den man gemacht hat. Aber es ist wichtig, so wichtig. Für das Selbstbewusstsein und sein Selbstwertgefühl.

Sei gut zu dir selbst und die anderen sind es auch“, könnte man in diesem Fall auch sagen. Denn wie sollen Andere einem Fehler verzeihen können, wenn man selbst nicht dazu in der Lage ist?

Wer übrigens mehr über die Zeitschrift „flow“ wissen will, kann sich auf deren Website informieren.

 

vor 9 Monaten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.